Die Scheiner-Methode

Bernd Nies

  1. Februar 2000 

Mittels der Scheiner1 -Methode kann eine ¨aquatoriale Montierung (z. B. deutsche Montierung oder Gabelmontierung) ohne Polsucherfernrohr mit etwas Ubung innert einer hal- ¨ ben Stunde sehr genau auf den Himmelsnordpol ausgerichtet werden. Eine direkte Sicht auf den Polarstern ist dabei nicht n¨otig. 

1 Vorbereitungen

Das Fernrohr muss als erstes so gut wie m¨oglich von Hand aufgestellt werden. Es reicht, wenn kurz mit der Wasserwaage uberpr ¨ uft wird, ob die Mon- ¨ tierung gerade steht, und uber die Stundenach- ¨ se (auch Pol- oder Rektaszensions-Achse genannt) grob der Polarstern angepeilt wird. Ist der Polarstern nicht sichtbar, so kann die Lage der Stundenachse mit einem Kompass und einem Neigungsmesser oder einer eingravierten Winkelskala korrigiert werden. Eine Abweichung von einigen wenigen Grad gegenuber der exakten Lage ist tolerier- ¨ bar und genugt bereits f ¨ ur die meisten visuellen ¨ Zwecke.

Ein beleuchtetes Fadenkreuzokular wird in den Okularauszug des Fernrohrs gesteckt. Besitzen Sie einen Refraktor oder ein Cassegrain, so benutzen Sie kein Zenitprisma. Dies erleichtert etwas die Orientierung. Das Fadenkreuzokular wird am besten parallel zu den beiden Achsen ausgerichtet, d. h. ein zentrierter Fixstern l¨auft beim hin- und herbewegen des Fernrohrs mittels den Feintrieben parallel zu einem Faden aus dem Bild. Besitzen Sie ein unbeleuchtetes Fadenkreuzokular, so kann das Bild mit einer schwachen Taschenlampe an der Objektiv¨offnung des Fernohrs etwas aufgehellt werden

2 Korrektur des Azimutwinkels

Man w¨ahlt einen geeigneten Stern im Suden, der sich maximal ¨ ±5 ◦ vom Himmels¨aquator und maximal ±1.5 h vom Meridian2 entfernt befindet. Das Fadenkreuz wird nun wie oben beschrieben ausgerichtet, der Nachfuhrmotor bleibt eingeschaltet. Die ungenaue Aus- ¨ richtung der Montierung fuhrt dazu, dass der Leitstern senkrecht zur Nachf ¨ uhrrichtung ¨ herausl¨auft – also nach Norden oder Suden.

Azimut-Regel: Muss das Fernrohr in der Deklinationsachse nach Norden geruckt wer- ¨ den, um den Leitstern wieder im Fadenkreuz zu zentrieren, so zeigt das Sudende der ¨ Stundenachse zu stark nach Osten (siehe Abbildung 2). Die Montierung muss also im Uhrzeigersinn werden

Wandert der Stern in die andere Richtung aus dem Fadenkreuz heraus (nach Norden), so muss der Azimutwinkel dementsprechend in die andere Richtung korrigiert werden. Gleiches gilt auch bei den folgenden Prozeduren fur die Korrektur des Polh ¨ ¨ohenwinkels.

Die beste Vorgehensweise ist, erst eine grobe Winkel¨anderung der Azimutachse vorzunehmen, damit man bewusst etwas uber das Ziel hinausschiesst. So kann man sich beim ¨ n¨achsten Versuch von der anderen Seite her an die richtige Lage iterativ herantasten. Nach jedem Schritt ein paar Minuten abwarten, in welche Richtung der Stern aus dem Bild l¨auft und entsprechend korrigieren. Diesen Vorgang solange wiederholen, bis der der Stern nicht mehr senkrecht zur Nachfuhrrichtung aus dem Bild l ¨ ¨auft, sondern nur noch entlang dieser. Fur die Ausrichtung auf dem Feld zur Fotografie reicht es meist, wenn der Stern etwa zehn ¨ Minuten mit fast unmerklicher Abweichung Bildmitte bleibt

3 Korrektur des Polh¨ohenwinkels

Hier wird ein Stern uber dem ¨ ¨ostlichen Horizont maximal ±5 ◦ vom Himmels¨aquator entfernt gew¨ahlt. Wegen der Refraktion3 soll er jedoch nicht zu knapp uber dem Horizont ¨ liegen, aber auch nicht h¨oher als 20◦ stehen. 

Polh¨ohen-Regel (Osthorizont): Muss das Fernrohr in der Deklinationsachse nach Norden geruckt werden, um den Leitstern wieder ins Fadenkreuz zu bringen, so ist der ¨ Polh¨ohenwinkel zu steil (vergleiche Abbildung 3

Auch hier soll das Fadenkreuz zuerst ausgerichtet werden. Das zuvor beschriebene iterative Vorgehen findet hier ebenfalls Anwendung. Ist die Sicht auf den Osthorizont versperrt, so benutzen wir die Analogie fur den Westhorizont:

Polh¨ohen-Regel (Westhorizont): Muss das Fernrohr in der Deklinationsachse nach Norden geruckt werden, um den Leitstern wieder ins Fadenkreuz zu bringen, so ist ¨ der Polh¨ohenwinkel zu flach. 

Soll die Montierung fur einen Sternwartenbetrieb dauerhaft und genau ausgerichtet ¨ werden, so empfiehlt sich eine iterative Wiederholung der Korrektur fur den Azimut- und ¨ fur den Polh ¨ ¨ohenwinkel bis nur noch jene Abweichung messbar ist, welche durch den Nachfuhrmotor verursacht wird (z. B. Gangungenauigkeit, periodischer Fehler)

4 ” Scheinern“ auf der Sudhemisph ¨ ¨are 

Die zuvor beschriebenen Korrekturen gelten fur die n ¨ ¨ordliche Hemisph¨are. Fur die s ¨ udli- ¨ che Hemisph¨are verh¨alt sich das Prozedere analog. Es sind lediglich folgende sprachliche Modifikationen vorzunehmen: 

  • Korrektur des Azimutwinkels: Abbildung 2 muss horizontal gespiegelt werden, da die Sterne von rechts nach links uber den n ¨ ¨ordlichen Horizont wandern. Norden mit Suden ¨ und Uhrzeigersinn mit Gegenurzeigersinn vertauschen. 

Korrektur des Polh¨ohenwinkels: Abbildung 3 horizontal spiegeln und Norden mit Suden ¨ vertauschen. 

Statt Uhrzeigersinn oder Gegenurzeigersinn l¨asst sich auch allgemein in Richtung der Sternbewegung formulieren, und statt Norden oder Suden ¨ kann auch in Richtung des Pols verwendet werden. Eine derartig allgemein formulierte Anleitung w¨are jedoch weniger klar verst¨andlich.

Literatur

[1] Rolf Riekher: Fernrohre und ihre Meister, Verlag Technik GmbH Berlin, ISBN 3-341- 00791-1 

[2] Markus H¨agi: Die Ausrichtung des Teleskops nach der Methode von Scheiner, astro sapiens 3/92, Seite 74 

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